24. September 2021
Gesellschaft

Das Ende der Spaltung

Foto: Jeremy Hunsinger
von Daniel Reitzig
13. Juni 2021

Der Kultursoziologe Elias (1987) entwickelte einst die Theorie der „Gesellschaft der Individuen“. Demnach müsse eine Gesellschaft eine Balance schaffen zwischen der eigenen Identität bzw. Autonomie des Individuums und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Elias konstatierte eine zunehmende Verschiebung hin zu Individualisierung und zuungunsten von Zugehörigkeit. Der Kapitalismus und seine Kommerzialisierung aller Lebensbereiche befördert diese Entwicklung.

Innerpsychisch hat dies weitreichende Folgen. Die Sprachlosigkeit in Beziehungen, welche oft nicht über die Oberflächlichkeit des Alltags hinauskommen, führt zur Normalisierung destruktiver Beziehungsmuster. Einander die Wahrheit sagen wird schwieriger in einer Zeit, in der so vieles auf die Aufrechterhaltung des eigenen Images ausgerichtet. Zwar hatte Goffman (1994) direkte Kommunikation im Sinn. Doch lassen die von ihm herausgearbeiteten Techniken der Imagepflege mühelos auf soziale Medien übertragen.

Eine besondere Überzeichnung dieser Techniken lässt sich in Zeiten des Wahlkampfes beobachten, wie etwa Sarcinelli (1989) beschrieben hat. Wie aber verhalten sich politische Akteure, die schon in ihren privatesten Beziehungen Kinder einer sprachlosen Gesellschaft sind?

Warum wird als normal hingenommen, dass jeder Versuch, den Wähler:innen wissenschaftlich fundierte Wahrheiten zuzumuten und zur Grundlage entsprechender Politik zu machen, sofort diskreditiert wird? Warum wird kaum beanstandet, dass es heute vor allem um ein technisches Verständnis von Macht zu gehen scheint, oft genug gleichgesetzt mit Zustimmung, gar mit narzisstischer Zufuhr für die Akteure in Spitzenpositionen? Ist das die Gesellschaft, in der wir leben wollen, in der wir unsere Kinder und deren Nachkommen aufwachsen lassen wollen?

Auf dem Weg zu einem neuen Miteinander

Dass Armut zu geringerer Lebenserwartung, zu auf viele Generationen bezogene Traumatisierungen und damit zu extremen individuellen und auch gesellschaftlichen Kosten führt, ist längst bekannt. Dass unsere Wirtschaftweise die Lebensgrundlagen der gesamten Tier- und Pflanzenwelt, inklusive der Menschheit, bedroht, ist ebenfalls längst bekannt. Warum werden diese Aufgaben nicht als Anlass zu einer gemeinsamen Anstrengung genommen?

Dies beginnt im Kleinen. Dies beginnt mit der Verbreitung von Wissen über die Funktionsweise der Psyche des Einzelnen und die Folgen für den gesellschaftlichen Umgang. Fangen wir an, die Wahrheit zu sagen, auch wenn es zunächst schmerzhaft erscheinen mag. Erkennen wir unsere eigene Bedürftigkeit an, den Umstand, dass wir bedingungslose Liebe erwarten, dass viele Erwachsene Kinder in zu großen Körpern sind. Hören wir auf, Frauen, Fremde, Alte, Kranke, Schwache und vor allem Kinder zu stigmatisieren, sie alle für die nur scheinbare Erfüllung unserer Unzufriedenheit beiseite zu schieben.

Diese Unzufriedenheit ist letztlich Ausdruck unserer Ahnung, dass mit unserer Lebensweise etwas nicht stimmt – solange ein Großteil der Menschheit und der Natur dafür unterjocht wird, wir aber nicht bereit sind, Machtverhältnisse klar zu benennen und einzureißen.

Literatur:

Elias, N. (1987): “Die Gesellschaft der Individuen”. Suhrkamp, Frankfurt a.M..

Goffman, E (1994): “Interaktionsrituale”, Suhrkamp, Frankfurt/Main.

Sarcinelli, U. (1989): “Symbolische Politik“ in:
Politische Vierteljahresschrift, Vol. 30, No. 2 (Juni 1989), Springer, Berlin.

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