Gesellschaft

Das Ende der Spaltung


13. Juni 2021

Bild: Foto: Jeremy Hunsinger

Politik und Kommunikation im Deutschen Bundestag

Der Kultursoziologe Elias (1987) entwickelte einst die Theorie der ‚ÄěGesellschaft der Individuen‚Äú. Demnach m√ľsse eine Gesellschaft eine Balance schaffen zwischen der eigenen Identit√§t bzw. Autonomie des Individuums und dem Bed√ľrfnis nach Zugeh√∂rigkeit. Elias konstatierte eine zunehmende Verschiebung hin zu Individualisierung und zuungunsten von Zugeh√∂rigkeit. Der Kapitalismus und seine Kommerzialisierung aller Lebensbereiche bef√∂rdert diese Entwicklung.

Innerpsychisch hat dies weitreichende Folgen. Die Sprachlosigkeit in Beziehungen, welche oft nicht √ľber die Oberfl√§chlichkeit des Alltags hinauskommen, f√ľhrt zur Normalisierung destruktiver Beziehungsmuster. Einander die Wahrheit sagen wird schwieriger in einer Zeit, in der so vieles auf die Aufrechterhaltung des eigenen Images ausgerichtet. Zwar hatte Goffman (1994) direkte Kommunikation im Sinn. Doch lassen die von ihm herausgearbeiteten Techniken der Imagepflege m√ľhelos auf soziale Medien √ľbertragen.

Eine besondere Überzeichnung dieser Techniken lässt sich in Zeiten des Wahlkampfes beobachten, wie etwa Sarcinelli (1989) beschrieben hat. Wie aber verhalten sich politische Akteure, die schon in ihren privatesten Beziehungen Kinder einer sprachlosen Gesellschaft sind?

Warum wird als normal hingenommen, dass jeder Versuch, den W√§hler:innen wissenschaftlich fundierte Wahrheiten zuzumuten und zur Grundlage entsprechender Politik zu machen, sofort diskreditiert wird? Warum wird kaum beanstandet, dass es heute vor allem um ein technisches Verst√§ndnis von Macht zu gehen scheint, oft genug gleichgesetzt mit Zustimmung, gar mit narzisstischer Zufuhr f√ľr die Akteure in Spitzenpositionen? Ist das die Gesellschaft, in der wir leben wollen, in der wir unsere Kinder und deren Nachkommen aufwachsen lassen wollen?

Auf dem Weg zu einem neuen Miteinander

Dass Armut zu geringerer Lebenserwartung, zu auf viele Generationen bezogene Traumatisierungen und damit zu extremen individuellen und auch gesellschaftlichen Kosten f√ľhrt, ist l√§ngst bekannt. Dass unsere Wirtschaftweise die Lebensgrundlagen der gesamten Tier- und Pflanzenwelt, inklusive der Menschheit, bedroht, ist ebenfalls l√§ngst bekannt. Warum werden diese Aufgaben nicht als Anlass zu einer gemeinsamen Anstrengung genommen?

Dies beginnt im Kleinen. Dies beginnt mit der Verbreitung von Wissen √ľber die Funktionsweise der Psyche des Einzelnen und die Folgen f√ľr den gesellschaftlichen Umgang. Fangen wir an, die Wahrheit zu sagen, auch wenn es zun√§chst schmerzhaft erscheinen mag. Erkennen wir unsere eigene Bed√ľrftigkeit an, den Umstand, dass wir bedingungslose Liebe erwarten, dass viele Erwachsene Kinder in zu gro√üen K√∂rpern sind. H√∂ren wir auf, Frauen, Fremde, Alte, Kranke, Schwache und vor allem Kinder zu stigmatisieren, sie alle f√ľr die nur scheinbare Erf√ľllung unserer Unzufriedenheit beiseite zu schieben.

Diese Unzufriedenheit ist letztlich Ausdruck unserer Ahnung, dass mit unserer Lebensweise etwas nicht stimmt – solange ein Gro√üteil der Menschheit und der Natur daf√ľr unterjocht wird, wir aber nicht bereit sind, Machtverh√§ltnisse klar zu benennen und einzurei√üen.

Literatur:

Elias, N. (1987): „Die Gesellschaft der Individuen“. Suhrkamp, Frankfurt a.M..

Goffman, E (1994): „Interaktionsrituale“, Suhrkamp, Frankfurt/Main.

Sarcinelli, U. (1989): „Symbolische Politik‚Äú in:
Politische Vierteljahresschrift, Vol. 30, No. 2 (Juni 1989), Springer, Berlin.


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