Daniel Reitzig

Politik und Kommunikation im Deutschen Bundestag
31. März 2026

Europas neuer Macht-Realismus

Am 9. März 2026 trat Ursula von der Leyen vor die versammelten EU-Botschafter in Brüssel und verkündete, fast beiläufig, das Ende einer Epoche. Europa könne nicht länger der „Hüter der alten Weltordnung“ sein. Der Satz klingt zunächst nach nüchterner Selbstkorrektur. Doch wer genauer hinhört, vernimmt dahinter etwas anderes: den Taktschlag einer neuen imperialen Selbstermächtigung, verpackt in das staubige Vokabular des Realismus.

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24. März 2026

Utopie ohne Entschuldigung

Es gibt einen Satz, der wie ein Fluch über der europäischen Linken der letzten dreißig Jahre liegt. Fredric Jameson hat ihn nicht selbst geprägt, aber er hat ihn popularisiert: Es sei heute leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Der Satz wurde so oft zitiert, dass er seinen Schrecken verloren hat. Er wurde zur Diagnose, dann zur Bescheidenheitsgeste, schließlich zur Entschuldigung. Wer nicht mehr weiß, wo es hingehen soll, verwaltet den Ist-Zustand – und nennt es Pragmatismus.

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17. März 2026

Völkerrecht: Der Bruch des Gleichgewichts

Die internationale Ordnung ist im Jahr 2026 durch die Delegitimierung des universalistischen Völkerrechts ob seiner selektiven Anwendung, den Übergang vom bipolaren Abschreckungsgleichgewicht zu einer nuklearen Schwellenzonenpolitik im Nahen Osten sowie innenpolitische Rückbindungseffekte auf die außenpolitische Handlungsfähigkeit westlicher Demokratien gekennzeichnet. Deutschland gerät unter Bundeskanzler Friedrich Merz in eine Konstellationsfalle, in der realpolitische Zwänge den normativen außenpolitischen Konsens der Berliner Republik zunehmend untergraben.

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10. März 2026

Das stille Netz

Es gibt eine Frage, die die europäische Demokratiedebatte seit Jahren begleitet und die doch selten laut gestellt wird: Was passiert mit einer Überwachungsinfrastruktur, wenn das Regime wechselt, das sie gebaut hat?

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28. September 2024

Freiheitsrechte in Gefahr

Bildinhalt: Mann mit schwarzem Mantel, schwarzer Kapuze und rot glühenden Maschinenaugen hinter einer Sonnenbrille.

Freiheit oder Sicherheit? Der Überwachungsstaat greift um sich. Seit den 2000ern schränken verschärfte Gesetze und neue Technologien unsere Bürgerrechte ein. Polizeibefugnisse wachsen, Staatstrojaner spähen uns aus, und Minderheiten geraten ins Visier. Ist dies der Preis für Sicherheit oder der Weg in den autoritären Staat? Ein kritischer Blick auf die schleichende Erosion unserer Freiheiten und ihre tieferen Ursachen.

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9. Oktober 2023

Scham, Scham-Abwehr und der Nahostkonflikt

Scham ist ein tiefgründiges und vielschichtiges Gefühl, das in vielen Kulturen auf der ganzen Welt vorkommt. Es kann durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden, darunter soziale Normen, persönliche Erwartungen und moralische Überzeugungen. Scham entsteht oft aus der Angst heraus, nicht den Erwartungen anderer Menschen oder der Gesellschaft als Ganzes gerecht zu werden, und kann zu einem Gefühl der Isolation und Selbstentfremdung führen.

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1. Oktober 2023

Adornos verwaltete Welt und simulative Demokratie

Theodor Adorno malte das Bild einer "verwalteten Welt", in der moderne kapitalistische Gesellschaften durch bürokratische Systeme und Verfahren kontrolliert und geregelt werden. Adornos Welt ist eine, in der Individuen zu passiven Konsumenten werden, eingefangen in einem System, das ihre Bedürfnisse und Wünsche formt. Der Aufstieg des Neoliberalismus seit den 1980er Jahren hat diese Vision in beunruhigender Weise Wirklichkeit werden lassen. Marktmechanismen und Unternehmenslogiken sind tief in das soziale Gefüge eingedrungen und haben zu einer Entstaatlichung und Kommodifizierung von Bereichen des öffentlichen Lebens geführt, von Bildung bis Gesundheit.

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12. September 2023

Zur Aktualität der Massenpsychologie des Faschismus

In einer Zeit, in der sich die Welt wieder verstärkt autoritären Strömungen zuwendet, scheinen die Arbeiten von Wilhelm Reich, dem österreichischen Psychoanalytiker und Sozialtheoretiker, an Relevanz zu gewinnen. Eines seiner einflussreichsten Werke, die "Die Massenpsychologie des Faschismus", stellt einen tiefgreifenden Versuch dar, die psychosozialen Mechanismen zu entschlüsseln, die zur Entstehung und Verbreitung autoritärer und faschistischer Ideologien beitragen. Es bietet einen multidimensionalen Ansatz, der sowohl individuelle psychische Bedürfnisse als auch soziokulturelle Faktoren berücksichtigt. Durch dieses tiefere Verständnis können effektivere Strategien zur Bekämpfung der Anziehungskraft autoritärer Ideologien entwickelt werden.

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1. August 2023

Der Aufstieg der Rechten

In einer Zeit, in der Angst und Unsicherheit vor dem sozialen Abstieg sowie vor multiplen Krisen wie dem Klimawandel und Covid-19 tief in den Mittelstand eindringen, verzeichnet Europa, und insbesondere Deutschland, einen beunruhigenden Anstieg rechtspopulistischer und rechtsextremer Gruppen. Die Frage, die sich nun stellt, ist: Was kann die Politik tun, um diesen Aufstieg zu stoppen?

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26. Juli 2023

Die Zugehörigkeit des Einzelnen in Zeiten der Zersplitterung

Kristina Tripkovic

Einsamkeit hat sich zu einem weit verbreiteten und beunruhigenden Phänomen in modernen Gesellschaften entwickelt. In einer Ära der ständigen digitalen Vernetzung und zunehmender Individualisierung sehen sich viele Menschen mit einer paradoxen Realität konfrontiert: obwohl sie online unzählige soziale Kontakte haben, fühlen sie sich dennoch einsam und isoliert. Dieses soziale Dilemma hat nicht nur ernsthafte psychologische Auswirkungen, sondern auch politische Konsequenzen.

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