Es gibt einen Satz, der wie ein Fluch über der europäischen Linken der letzten dreißig Jahre liegt. Fredric Jameson hat ihn nicht selbst geprägt, aber er hat ihn popularisiert: Es sei heute leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Der Satz wurde so oft zitiert, dass er seinen Schrecken verloren hat. Er wurde zur Diagnose, dann zur Bescheidenheitsgeste, schließlich zur Entschuldigung. Wer nicht mehr weiß, wo es hingehen soll, verwaltet den Ist-Zustand – und nennt es Pragmatismus.

Dabei war die Lektion falsch. Oder präziser: Sie wurde aus dem falschen Scheitern gezogen.
Der Zusammenbruch des Sowjetblocks war nicht das Ende der Utopie, sondern das Ende einer bestimmten, katastrophisch fehlgeleiteten Utopie: jener bürokratisch-zentralistischen Imagination, die den Sprung ins Noch-Nicht mit der Gewalt des Schon-Jetzt erzwingen wollte. Was die postsozialistische Linke daraus machte, war etwas anderes: Sie zog sich auf das Terrain der Kritik zurück und überließ die Konstruktion von Zukünften anderen. Dieser Rückzug hatte Konsequenzen, die wir jetzt bewohnen.
Die Rückkehr der Zukunft
Seit Mitte der 2010er-Jahre lässt sich beobachten, was akademisch als „Renaissance des utopischen Denkens“ beschrieben wird. Die Gerda Henkel Stiftung fördert ab 2026 fünfzig interdisziplinäre Forschungsprojekte unter dem Titel „Prospekt Utopia“ – ein institutionelles Signal, dass die Auseinandersetzung mit Zukunftsentwürfen die akademische Mitte erreicht hat. Neue Sammelwerke analysieren das Verhältnis von Utopie und Demokratie, Konferenzen widmen sich der Frage, was politische Imagination heute bedeutet.
Das Problem ist: Die Utopie ist zurückgekehrt, aber sie ist nicht allein zurückgekehrt.
Neben den emanzipatorischen Projekten – Degrowth, neuer Municipalismus, postkapitalistische Horizonte – hat sich eine zweite utopische Formation etabliert, die alle Merkmale des Genres trägt, dabei aber in entgegengesetzte Richtungen zielt. Zygmunt Bauman hat für sie kurz vor seinem Tod den Begriff „Retrotopia“ geprägt: Zukunftsentwürfe, die ihren Projektionsraum nicht vor uns, sondern hinter uns verorten. Die starke Nation, die homogene Gemeinschaft, die naturalisierten Hierarchien – all das wird als wiederherstellbare Vergangenheit imaginiert, nicht als verlorene, sondern als gestohlene. Die populistische Rechte operiert mit dieser Grammatik. Sie macht utopische Energie politisch verfügbar, richtet sie aber rückwärts aus.
Noch folgenreicher dürfte eine dritte Utopie sein, die derzeit die Gravitationszentren der westlichen Ökonomie besetzt: der Techno-Utopismus Silicon Valley’scher Prägung. Was das Transnational Institute im Februar 2026 als autoritäre Wende einer genuin faszistischen Kulturformation analysiert, ist auf einer tieferen Ebene eine politische Theologie: die Unvermeidlichkeit technologischen Wandels als demokratiebefreiende These. Wenn KI und Plattformkapitalismus ohnehin alles verändern werden, wozu dann noch deliberieren? Die Schließung des Politischen erfolgt hier nicht durch Gewalt, sondern durch das Postulat der Notwendigkeit. Effective Accelerationism ist keine Technikideologie – es ist eine antidemokratische Utopie im strengen Sinne: ein Entwurf einer anderen Welt, der die Gestaltung dieser Welt systematisch entdemokratisiert.
Was bleibt, wenn man das Falsche abzieht
Angesichts dieser Konstellation reicht es nicht, auf Utopie zu verzichten oder sie zu ironisieren. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen utopisches Denken emanzipatorisch wirkt – und wann es in sein Gegenteil umschlägt.
Hier hilft eine Besinnung auf etwas, das dem utopischen Denken ursprünglich eingeschrieben war und das sowohl die stalinistische als auch die liberale Tradition auf je eigene Weise beseitigt hat: die Idee, dass politische Legitimität nicht delegiert, sondern nur gelebt werden kann. Nicht als plebiszitäre Akklamation – die ist ihre Karikatur –, sondern als kontinuierliche, institutionell gesicherte Praxis gemeinsamer Selbstbestimmung. Eine Gesellschaft, die gut organisiert ist, braucht keine Heilsbringer; sie braucht Strukturen, die es gewöhnlichen Menschen ermöglichen, über die Bedingungen ihres gemeinsamen Lebens tatsächlich zu entscheiden. Das klingt bescheiden. Es ist radikal.
Denn das bedeutet: Eigentum, das politische Entscheidungsgewalt konzentriert, ist kein privates Problem. Es ist ein demokratisches. Wer über die Produktionsmittel einer Gesellschaft verfügt, verfügt auch über deren Zukunft – und damit über etwas, das einer einzelnen Person oder Aktionärsgruppe schlicht nicht gehören kann, wenn der Anspruch auf kollektive Selbstbestimmung ernst genommen werden soll. Die utopische Frage lautet dann nicht: Wie verteilen wir den Wohlstand gerechter? Sondern: Unter welchen Eigentumsformen ist eine Demokratie überhaupt möglich, die diesen Namen verdient?
Das ist keine Absage an Märkte oder Komplexität. Es ist die Frage, wer die Rahmenbedingungen setzt, innerhalb derer Märkte operieren – und wer darüber entscheidet, was als wirtschaftliche Rationalität gilt. Eine Gesellschaft, die diese Frage kollektiv und demokratisch beantwortet, sieht anders aus als eine, in der die Antwort von Kapitalflüssen antizipiert wird, bevor irgendjemand gefragt wurde.
Konkrete Formen des Möglichen
Ernst Bloch hat zwischen abstrakten und konkreten Utopien unterschieden. Die abstrakte Utopie entwirft ein Ideal ohne Verhältnis zu den gegenwärtigen Möglichkeiten; sie kann mobilisieren, aber sie kann auch legitimieren, was zur Erreichung des Ideals nötig zu sein scheint. Die konkrete Utopie hingegen buchstabiert aus, was in den Keimformen der Gegenwart bereits angelegt ist – sie ist extrapolierend, nicht deduktiv. Diese Unterscheidung ist keine akademische Feinheit. Sie ist die Differenz zwischen einem politischen Projekt, das Demokratie als Mittel und als Ziel zugleich begreift, und einem, das Demokratie dem Ziel opfert.
Municipalismus ist in diesem Sinne keine Abweichung vom großen Projekt, sondern seine einzig vertretbare Anfangsform.
Das Barcelona-Modell, das Preston-Modell, die verschiedenen Experimentalfelder städtischer Commons-Verwaltung – sie sind Realutopien in dem präzisen Sinne, dass sie zeigen, was bereits möglich ist, während sie auf das hinweisen, was noch aussteht. Öffentliche Güter, die von denen verwaltet werden, die von ihnen abhängig sind; Infrastruktur, deren Überschuss in die Gemeinschaft zurückfließt statt in Dividenden; Planung, die auf dem Wissen der Bewohnenden basiert statt auf dem Optimierungskalkül externer Consultants. Das sind keine Träume. Das sind Pilotprojekte einer anderen Eigentumslogik.
Ähnliches gilt für die Degrowth-Bewegung, die nach drei großen internationalen Konferenzen in Konsolidierung geht. Die Spannungen, die auf der Oslo-Konferenz 2025 offen wurden – zwischen einem liberalen Reformflügel und antikapitalistischen Fraktionen –, sind nicht Zeichen der Schwäche, sondern der Reife. Die Herausforderung besteht darin, aus dieser Spannung eine Strategie zu entwickeln, die über das akademische Milieu hinausgreift: eine Allianz von Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und politischen Organisationen, die den ökologischen Imperativ mit der Frage der Verfügungsgewalt über Produktion verbindet. Weniger produzieren ist nicht das Ziel. Das Ziel ist: kollektiv entscheiden, was produziert wird, für wen, unter welchen Bedingungen – und was schlicht nicht produziert werden muss.
Die Falle der direkten Demokratie
Hier lauert eine Gefahr, die die Linke zu oft ignoriert, weil sie ihre eigene Rhetorik befällt. Forderungen nach direkter Demokratie können paradoxerweise autoritären Projekten dienen. Die Logik ist einfach: Wenn repräsentative Demokratie als strukturelle Korruption gilt – als System, das den „wahren Willen des Volkes“ systematisch verfälscht –, dann wird seine Abschaffung zur demokratischen Pflicht. Dass diese Abschaffung die demokratischen Kontrollen mitbeseitigt, die Minderheitenschutz und Gewaltenteilung garantieren, ist dann kein Kollateralschaden, sondern der eigentliche Zweck.
Aber hier ist Präzision geboten, die nicht in Konservatismus umschlagen darf. Das Problem ist nicht die direkte Demokratie als solche, sondern ihre Simulation: der Volksentscheid als Plebiszit, der Charismatiker als Mediator des Volkswillens, die Akklamation als Partizipation. Die Antwort darauf ist nicht die Verteidigung bestehender repräsentativer Institutionen in ihrer gegenwärtigen Form – viele davon sind tatsächlich systematisch von ökonomischen Interessen durchdrungen. Die Antwort ist die Demokratisierung der Demokratie: mehr Orte, an denen tatsächlich entschieden wird, kleinere Einheiten, in denen Entscheidungen nachvollziehbar sind, und stärkere Bindung von Mandaten an rechenschaftspflichtige Prozesse. Nicht weniger Institutionen, sondern bessere.
Das Problem der epistemischen Gerechtigkeit
Eine letzte Leerstelle, die die europäische Linke schlecht bearbeitet hat: Wessen Utopien zählen?
Die Degrowth-Kritik aus dem Globalen Süden ist berechtigt. Das Konzept setzt einen Wohlstand voraus, der reduziert werden soll – eine Ausgangsposition, von der aus Milliarden Menschen nicht sprechen. Buen Vivir und Ubuntu sind keine romantischen Alternativen zur Utopie, sondern konkurrierende Gesamt-Imaginationen des guten Lebens, die andere Grundannahmen über Individualität, Gemeinschaft und Naturverhältnis mitbringen. Interessanterweise teilen diese Traditionen mit der hier skizzierten Utopie eine strukturelle Gemeinsamkeit: Sie alle denken das gute Leben als wesentlich kollektiv verfasst, als abhängig von Beziehungsqualitäten, die Märkte nicht herstellen können und die Privateigentum in seiner konzentrierten Form tendenziell zerstört. Die Unterschiede zwischen diesen Traditionen sind real und dürfen nicht eingeebnet werden. Aber sie verweisen auf einen gemeinsamen Gegner: die Vorstellung, dass menschliches Gedeihen eine Funktion individueller Ressourcenakkumulation sei.
Das ist kein Einwand gegen Utopie. Es ist ein Einwand gegen schlechte Utopie – und ein Hinweis, wo eine bessere beginnen könnte.
Utopie als demokratische Kompetenz
Die UNESCO spricht mittlerweile von Futures Literacy als demokratischer Kompetenz: der Fähigkeit, sich Zukünfte vorzustellen und aus dieser Vorstellung heraus politisch zu handeln. Die Formulierung ist bürokratisch, aber der Kern stimmt. Utopisches Denken ist keine Schwäche, keine Naivität, keine Flucht. Es ist eine kognitive und politische Fähigkeit – und wie alle Fähigkeiten kann sie verkümmern, wenn sie nicht geübt wird.
Die europäische Linke hat sie dreißig Jahre lang nicht geübt. Die Konsequenz ist nicht, dass keine Utopien mehr existieren. Die Konsequenz ist, dass das Feld anderen überlassen wurde.
Den Retrotopisten, die in eine erfundene Vergangenheit flüchten, und den Techno-Utopisten, die die Demokratie für ein historisches Missverständnis halten.
Dagegen hilft kein Pragmatismus. Es hilft nur eine bessere Utopie: eine, die versteht, dass menschliche Würde eine institutionelle Bedingung hat; dass diese Bedingung kollektive Verfügungsgewalt über die materiellen Grundlagen des Lebens einschließt; und dass die einzige Form, in der eine solche Utopie realisiert werden kann, ohne ihre eigenen Versprechen zu brechen, die schrittweise, demokratisch gesicherte, immer revidierbare Praxis ist – unspektakulär, hartnäckig, in jedem Stadtrat und jeder Betriebsversammlung neu beginnend.
Ernst Bloch hat das Prinzip Hoffnung als anthropologische Konstante beschrieben. Das mag stimmen oder nicht. Politisch relevant ist etwas anderes: Wer die Hoffnung nicht organisiert, überlässt sie denen, die sie gegen ihre Adressaten wenden.